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Lager und Fahrten in der Jugendarbeit

In der Jugendverbandsarbeit spielen „Lager und Fahrten“ eine große Rolle. Gruppen von Kindern und Jugendlichen sind unterwegs oder versammeln sich im Zeltlager. Dies hat historische Wurzeln.

Die Mitglieder der bürgerlichen Jugendbewegung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren auf Fahrt. Sie ließen den Moloch Großstadt hinter sich und erkundeten die Natur, andere Regionen und ferne Länder. Pfadfinder und die Jugendverbände der Arbeiterbewegung (z. B. die Sozialistische Arbeiterjugend oder die Kinderfreunde) „lagerten“ in meist ländlicher Umgebung und fanden sich in Zeltdörfern zusammen, die selbst errichtet und immer auch als Alternative, als Protest und Korrektur zu herrschenden Lebens- und Gesellschaftsverhältnissen gedacht waren.

Zeltlager sind bis heute eines der wichtigsten Angebote von Verbänden und Gruppen. Sie haben nach wie vor eine zentrale Bedeutung für das soziale Lernen von Kindern und Jugendlichen. Sie sind für viele Kinder und Jugendliche ein ganz besonderes Erlebnis. Anders als im täglichen Leben ist die Situation im Ferienlager sehr offen. Vieles kann selbst gestaltet werden, nur Weniges ist vorgegeben. So werden im Zeltlager eigenständiges Handeln und Kreativität gefördert. Die Abende werden anders verbracht als zu Hause: mit Gesprächen, Spielen oder gemeinsam am Lagerfeuer sitzen und singen. Die Gruppe organisiert ihr Zusammenleben in dieser Gemeinschaft selbst. Kinder und Jugendliche lernen so den Ausgleich ihrer Interessen, Rücksichtnahme und demokratisches Verhalten. Zum Leben im Zeltlager gehört auch die Übernahme von Verantwortung für den Alltag als Teil der Erziehung zur Selbständigkeit.

Größere Lager sind wie kleine Städte, in denen Kinder und Jugendliche ihre eigenen Regeln finden müssen und können. Sie lernen die Vertretung ihrer Interessen und die Übernahme von Verantwortung. Dies kann in Form gewählter Lagerparlamente oder anderer Entscheidungsgremien geschehen. Hierdurch werden auch erste Schritte zum verantwortlich politischen Handeln getan, da die Kinder sinnvolle und gerechte Entscheidungen für das Zusammenleben aller treffen müssen. Je früher Kindern dies gelingt, desto selbstverständlicher wird später die Bereitschaft, „politische“ Aufgaben, beispielsweise in einer (Jugend-)organisation zu übernehmen.

In einem Ferienlager werden viele interessante, dem Alter entsprechende Angebote und Projekte entwickelt. Das unmittelbare Leben in der Natur ermöglicht in besonderem Maße das Aufgreifen nicht nur ökologischer Fragestellungen. Zeltlager sind keine Flucht vor der Stadt und dem Alltag, vielmehr lässt die Intensität der Erlebnisse das Gefühl dafür entstehen, was erhaltens- und schützenswert ist.

Die Bandbreite der Zeltlagerpädagogik hat sich in den letzten Jahren sehr erweitert. Es gibt Angebote der Kinder- und Jugendarbeit mit offener Ausschreibung, also Camps oder große Zeltstädte wie in Otterndorf. Auf der anderen Seite gibt es überschaubare kleine Zeltlager von einzelnen oder sehr wenigen Gruppen. Ob groß oder klein, gemeinsam ist allen der Gedanke des demokratischen und solidarischen Lernens sowie der Selbstorganisation.